In der Welt der Verwandlungen und Verkleidungen spielt unsere Geschichte. Vermutlich waren wir in unseren früheren Leben Schneidermeister am Hofe, so gerne wie wir Prinzessinnen und Königinnen einkleiden würden. Das Spiel all der Rüschen auf den imposanten Reifröcken ist uns ein wahres Fest, sowie die korsettierten, geformten Taillen und die mit feinen Spitzen umfassten Dekoltees. Wenn man die Kleidung europäischer Epochen studiert und sich darauf einlässt, eröffnet sich eine beeindruckende Landschaft herrlichster Schnitte, die weit mehr als Bekleidung sind.
Sie sind eine Sprache. Eine lebhafte Darstellung von Ständen, Hierarchien, Sagen und Legenden. Kleidung transportiert Persönlichkeiten, beseelt und bespielt sie. In Museen faszinieren ausgestellte Gewänder auf geisterhafte Art und Weise die Betrachter, als ob von ihnen eine Kraft ausginge, voller bruchstückhafter Erinnerungen an alte Zeiten.
Wenn wir Schlösser, Burgen, Adelssitze besuchen, staunen wir über das, was die Menschen einst – gar nicht so lange her – mit ihren Händen schufen. Sie erbauten wirklich unfassbare Welten, vergoldeten und umsäumten sie, machten ihre Visionen unsterblich.
Schönheiten, die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende überdauern sollten. Man schwärmt, in Versailles, wenn man sich vorstellt, wie im Spiegelsaal unter den Kronleuchtern getanzt wurde oder man schwelgt durch die Straßen Venedigs im Geiste der alten Adelsgeschlechter. Man tastet überall nach den Spuren der Menschen, die uns heute überwiegend so fremd erscheinen, als wären sie nie geschauten Filmen entsprungen.
Theater und Opern sind weite Pfeiler unserer Faszination.
Die Menschen stellen sich seit je her gerne zur Schau, sei es in Tänzen oder Inszenierungen. Dadurch wird Geschichte auch erst spür- und erlebbar. Träume nehmen Gestalt an und bewegen uns tief im Inneren. Und Kostüme sind der Zauber, der die Darsteller umhüllt. Gewänder können verhüllen oder verstecken, aber auch offenbaren. Sie können verzaubern, aber auch erzaudern lassen; anziehen, ausziehen, fesseln. Sie können die Träger als alles erscheinen lassen, was sie wollen. Deshalb lieben wir sie, mit all ihrer Erstellung bis ins kleinste Detail!
Historische und phantastische Mode ist wie die Erschaffung von Fabelwesen, man erweckt Ideen zum Leben. Wer den neuen Frankenstein gesehen hat, weiß genau wovon hier die Rede ist. Von den magischen Wirkungen des perfekten Zusammenspiels fein gewählter Materialitäten. Ein Schneider ist quasi auch ein Alchimist, stets auf der Suche nach dem veredelndsten Elixier oder verfluchtesten Gebräu, in das er Jemanden hineintunken kann.
Er ist ebenso ein Komponist, der ganze Symphonien erschaffen kann, während Nadel und Faden dirigieren; mit überraschendsten Einsätzen: harmonisch, dramatisch, verstrickt!
Das Feld der Mode ist unüberschaubar – unzählige Menschen fielen ihr zum Opfer, wurden zum Nichts, zu Sklaven, Dienern, bloßen Uniformen, Zweckmäßigkeiten, hinter deren Brillengläsern, wie durch Fenster nie erlangte Sehnsüchte schimmerten. Im starken Kontrast dazu wurde das irdische Leben auf‘s bunteste und wildeste zelebriert und vor allen Dingen: immer wieder neu entdeckt! Neu entpuppt und kombiniert.
Nahezu göttliches wurde erschaffen, als ob es irdisch wäre oder ist das höchste irdische nicht das göttliche, dass sie Ausdruck verleihen konnte? Wie dem auch sei – Mode ist Philosophie, aus Liebe zum Wissen, sie ist Religion, mit all ihren Traditionen und Riten, Mathematik, mit all ihren Formen, Maßen und Schnitten, Biologie, die sich anpasst und organisch entwickelt, Physik mit all ihren Reaktionen und vorallem: ein unüberschaubares Feld an Möglichkeiten und Visionen, in dem wir zuhause sind.

Es hat mich wirklich bewegt das zu lesen! Ich fühle es sehr. Danke dass du es so schön in Worte gefasst hast.